15 Prozent der Bevölkerung am Balkan verließen seit 1990 ihre Heimat, weil sie sich bessere Chancen am Arbeitsmarkt im Ausland ausrechneten. Das Hauptproblem waren und sind noch immer fehlende Perspektiven im Heimatland. Der Westen profitiert kurzfristig von der Migration hoch qualifizierter Menschen, doch langfristig muss es das Interesse Europas sein, den Balkan zu stabilisieren – auch im Eigeninteresse. Bewusstseinsbildung, Hintergrundinformationen und spannende Einblicke von Experten und Betroffenen: Das alles erhlieten die 200 Gäste im Novomatic Forum in Wien bei den aktuellen „Trends 2030 des Alois Mock Instituts.

 „Klar ist, Europa braucht diese Region, daher ist es für uns ein großes Anliegen, dass wir uns mit der Thematik nicht nur beschäftigen, sondern auch mutig etwas tun“, betont der Präsident des Alois Mock Instituts Wolfgang Sobotka angesichts der Diskussion rund um die Balkanstaaten. Auch Gastgeber Bernhard Krumpel, Leiter der Konzernkommunikation von Novomatic, sieht eine große Bedeutung in diesem Thema: „Wir haben rund 200 Softwareentwickler in Serbien, das ist eine Region, die wir auch weiterentwickeln wollen“.

Doch warum gibt es überhaupt ein Problem der Abwanderung am Balkan? Manuel Costescu, Senior Advisor bei Flint Global, stammt selbst aus Rumänien und arbeitet nun in London. „Viele Rumänen sind nach dem EU Beitritt weggegangen, weil sie kein Visum mehr benötigt haben“, erzählt er. Der Grund, wieso viele Menschen das Land verlassen, sei neben der Perspektivenlosigkeit vor allem auch das Fehlen einer stabilen demokratischen Regierung. „Monetär gesehen geht es den Menschen nicht schlecht, sie bekommen zwar weniger Gehalt, das Leben ist aber auch billiger“, betont Costescu. Der gebürtige Bosnier und Politologe Dr. Vedran Dzihic hebt besonders die Push und Pull Faktoren hervor, die Menschen dazu bringen, ins Ausland zu gehen: „Der Westen hat eine regelrechte Sogwirkung, er bietet mehr Lebensstandard und mehr Geld, wogegen die Balkanstaaten mit hoher Arbeitslosigkeit, einem Überschuss an gut ausgebildeten Menschen und Korruption zu kämpfen haben“. Er kritisiert vor allem den politischen Diskurs: „Anstatt eine wirkliche Debatte zu führen und sich zu überlegen, was man konkret tun kann, um die Menschen im Land zu halten, wird in diesen Staaten oft eine Scheindebatte geführt, die am Kern des Problems vorbeigeht “. Dr. Martin Ledolter, Jurist und Geschäftsführer der Austrian Development Agency, kristallisiert drei Bereiche heraus, die zu einem besseren Durchschnittseinkommen führen: „Das sind Bildung, Rechtsstaatlichkeit und eine Entwicklung des Privatsektors – nur wenn diese drei Punkte ineinander greifen, führt das zu Wirtschaftswachstum und in weiterer Folge dazu, dass die Menschen zu Hause bleiben wollen und können.“

Generell sieht das Podium den Balkan als Region, die auch für die EU und insbesondere für Österreich wichtig ist. „Eine Stabilität vor Ort ist besonders auch für heimische Unternehmen wichtig – der Westbalkan wird nicht umsonst oft als Vorhof Österreichs bezeichnet“, meint Martin Ledolter. Neben den Aufgaben, die die Regierungen, die EU und auch private Unternehmen meistern müssen, sei vor allem Bildung der Kernfaktor, für eine Besserung der Situation im Balkan.